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Credits: Werde's grave, Leman Sevda Darıcıoğlu,
photo from the Kıvılcım Arat archive,
manipulated by Leman Sevda Darıcıoğlu, 2026.


Leman Sevda Darıcıoğlu



27.03. | 30.05.2026




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deutsch | english below


Wessen Verlust anerkannt und gewürdigt wird, macht sichtbar, wessen Leben es wert ist, gelebt zu werden. Nach „Havuz“ (Der Pool) (2024) setzt sich Leman Sevda Darıcıoğlu's Auseinandersetzung damit fort, wie Nekropolitik die Verfügbarkeit menschlichen Lebens bestimmt, anhand der Friedhöfe der Kimsesiz [Kimsesiz: diejenigen, die niemanden haben] zu erforschen. In der Türkei gibt es (mindestens) einen Kimsesiz-Friedhof in jeder Stadt, auf dem die verlassenen Toten begraben werden – darunter Opfer von Femiziden, queere Menschen, Geflüchtete, Kurdische Menschen, Frühgeborene, Menschen aus der Unterschicht und gelegentlich auch Täter*innen von Gewalt. Hier gibt es keinen Grabstein, keinen Namen oder irgendeinen Hinweis auf das gelebte Leben, sondern nur Nummern. Die bürokratischen Strukturen des Staates fassen diese radikal unterschiedlichen Leben in einer einzigen Kategorie zusammen, glätten Individualität und verschleiern systemische politische Gewalt. Indem Täter*innen und Opfer zusammen platziert werden, fungiert das System als Instrument der vollständigen Auslöschung – nicht nur individueller Leben, sondern auch politischen Denkens, sozialer Gerechtigkeit und moralischer Lesbarkeit.
Resisting in Grief konzentriert sich auf den Widerstand gegen diesen nekropolitischen Auslöschungsmechanismus, um zu hinterfragen, wie man unter systematischer Gewalt am Leben festhalten kann, und lädt das Publikum in einen gemeinsamen Raum des Zeug*innenseins ein, in dem Trauer zu einer Form politischer Imagination und einer Grundlage des Widerstands wird. Das Mehrkanalvideo „From the Lines of Difference“ stellt queere, feministische, Geflüchtetenrechts- und Kurdische Bewegungen in den Mittelpunkt, die Verstorbene zurückfordern und ihrer gedenken. Es bringt Archivmaterialien zusammen, gemeinschaftlich geteilte Archive, die durch eine von Darıcıoğlu als „queere Trauer“ bezeichnete Technik bearbeitet wurden, sowie Interviews mit Aktivist*innen dieser Bewegungen. Wo möglich, werden die Erinnerungen der Verstorbenen durch Erzählungen ihrer Freund*innen hervorgebracht. Geschichten und Schweigen dieser Gemeinschaften verweben sich mit übergeordneten Fragen von Gerechtigkeit und dem Wert des Lebens. Indem jede Form des Gedenkens in ihren spezifischen sozialen, politischen und historischen Kontext gestellt wird, zeigt die Arbeit, wie Trauer und Erinnerung als Widerstand und Solidarität wirken.
Die Installation „An Act of Accompaniment“ schafft einen rituellen Raum, der zunächst durch eine Performance von Leman aktiviert wird. Das Verbringen von Zeit mit einem Stein, ihn zu waschen, sich um ihn zu kümmern und mit ihm zu ringen, bewegt sich zwischen Trauer, Fürsorge und Anstrengung. Die Installation eröffnet einen gemeinsamen zeitlichen und affektiven Raum, den die Besucher*innen zusammen mit der Videoarbeit betreten. In der Metallwanne, die während der Performances markiert und leicht beschädigt wird, ruht der Stein in einem fragilen Gleichgewicht und trägt die Spannung zwischen Auslöschung und dem Akt des Festhaltens.

Leman Sevda Darıcıoğlu (Pronomen: they/them) arbeitet als multidisziplinäre Künstler*in mit langandauernder Performance, Video, Installation, Text und öffentlichen Interventionen. Lemans Arbeit untersucht die komplexen Schnittstellen von Chronopolitik und Nekropolitik mit einem besonderen Fokus auf die Verletzlichkeit und Widerständigkeit marginalisierter, insbesondere queerer, körperlich beeinträchtigter und migrantischer Körper.
Darıcıoğlu's künstlerische Forschung ist von einer tiefen Auseinandersetzung mit Geschichten von Gewalt und Widerstand geprägt und hinterfragt sowie eignet sich hegemoniale Narrative aus einer klar südwestasiatisch-queeren Perspektive neu an. Leman hat einen MFA in „Live Art Forms“ an der AdBK Nürnberg mit Auszeichnung (DAAD-Preis 2024) abgeschlossen. Darıcıoğlu's Arbeiten wurden unter anderem bei Pickle Bar Berlin, Door Foundation Amsterdam, Ornamenta24, Baerenzwinger Berlin, ICA London, Europride23 Valletta, SALT Istanbul und dem Schwulen Museum Berlin gezeigt. Als Gwaetler- Stiftung-Stipendiat*in 2025 erhielt Leman mehrere Auszeichnungen und Förderungen für die eigene forschungsbasierte künstlerische Arbeit.

Gefördert durch die Gwaetler Stiftung und die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Herzlicher Dank an: Ihsan Alişan, Kamil Schock, Meryem Erkuş, Maria Wildeis und das Team des Ebertplatzes.

Für den Stein besonderen Dank an Feinhieb Steinbildhauerei.


english


Whose loss is acknowledged and valued shows us whose life is worthy to be lived. Following “Havuz” [The Pool] (2024), Leman Sevda Darıcıoğlu continues to explore how necropolitics dictates the disposability of human life through the cemeteries of Kimsesiz [Kimsesiz: those who have no one in Turkish]. In Turkey, there is (at least) one cemetery of Kimsesiz in each city where the abandoned dead are buried, including victims of femicide, queers, refugees, Kurdish people, premature babies, underclass people, and, at times, perpetrators of violence. Here, there is no tombstone, no name, or any indicator of the life that was lived, but only numbers. The state’s bureaucratic structures collapse these radically different lives into a single category, flattening individuality and masking systemic political violence. By placing perpetrators and victims together, the slot functions as a tool for total erasure, not only of individual lives, but also of political thought, social justice, and moral legibility.
Resisting in Grief focuses on resistance against this necropolitical erasure mechanism to question how to hold on to life amid systematic violence and invites audiences into a shared space of witnessing, where mourning becomes a mode of political imagination and a foundation for resistance.
The multi-channel video “From the Lines of Difference” centers on queer, feminist, refugee rights, and Kurdish movements that reclaim and commemorate the deceased. It brings together archival materials, community-shared archives manipulated through a technique Darıcıoğlu calls “queer grief,” and interviews with activists from these movements. When possible, the memories of those buried are brought forward through narratives shared by their friends. Stories and silences from these communities are woven with broader questions of justice and the value of life. By situating each act of remembrance in its specific social, political, and historical context, the work shows how grief and remembrance operate as resistance and solidarity.
The installation “An Act of Accompaniment“ sets up a ritual space, first activated through a performance by Leman. Spending time with a stone, washing it, tending to it, and wrestling with it, the work moves between mourning, care, and strain. The installation holds a shared temporal and affective space that visitors enter alongside the video work. Placed in the metal basin that is marked and slightly damaged during the performances, the stone rests in a fragile balance, carrying the tension between the erasure and the acts of holding.

Leman Sevda Darıcıoğlu (Pronouns: they/them) is a multidisciplinary artist working with long- durational performance, video, installation, text and public intervention. Leman’s work delves into the intricate intersections of chronopolitics and necropolitics, with a keen focus on the vulnerability and resilience of marginalized, especially queer, crip and migrant bodies. Their artistic inquiry is driven by a deep engagement with histories of violence and resistance, challenging and re-appropriating the hegemonic narratives from a distinctly Southwest Asian queer perspective. Leman holds an MFA in “Live Art Forms” from AdBK Nuremberg with distinction (DAAD Prize 2024). They’ve shown work at Pickle Bar Berlin, Door Foundation Amsterdam, Ornamenta24, Baerenzwinger Berlin, ICA London, Europride23 Valetta, SALT Istanbul, Schwules Museum Berlin, among others. A Gwaetler Stiftung fellow for 2025, Leman has received multiple awards and grants for their research-based artistic work.

Supported by the Gwaetler Foundation and the Berlin Senate Administration for Culture and Social Cohesion.

With heartfelt thanks to: Ihsan Alişan, Kamil Schock, Meryem Erkuş, Maria Wildeis and the Team of Unser Ebertplatz.

For the stone special thanks to Feinhieb Steinbildhauerei.

Gefördert von | With support of:
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