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SCHWESTERINNEN
touchdown

NOEMI WEBER
and
MILENA WEBER

19. NOV. 2020 - 09. JAN. 2021

Kunst ist eine kulturelle Kollektivleistung, weil sich ihre Existenz an eine gemeinschaftliche Definition knüpft, die wie ein komplexes Netz aus unzähligen Narrativen aufgebaut ist. Unser daraus hervorgehender Begriff von „Kunst“ besteht gleichsam aus den unterschiedlichsten Argumentationssträngen verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen, wie auch in der Breite der Gesellschaft kursierenden Vorstellungen, die mal mehr, mal weniger klare Bilder von künstlerischen Praktiken entwerfen. Dabei gehen beide Seiten Hand in Hand bei der Generierung, Etablierung und Legitimierung des Systems „Kunst“. Dieses ist jedoch nicht statisch, sondern hinterfragt – förmlich aus der ihm inhärenten Logik einer permanenten Weiterentwicklung heraus – die eigene Existenzgrundlage. Gewissermaßen ist diese selbstreflexive Haltung ein alle Bereiche der Kunst verbindender Wesenszug. Umso erstaunlicher ist es, dass einige Mythen in Bezug auf künstlerische Produktion so fest verankert zu sein scheinen, dass sie nur selten überprüft werden. Kein anderes Medium betrifft dies so stark wie das der Malerei. In unserer kollektiven Vorstellung arbeitet die Malerin in der Abgeschiedenheit eines „Ateliers“. Diese Arbeit ist demnach (seit jeher sowie nach wie vor) das Resultat einer persönlichen, individuellen Konfrontation mit der Leinwand. Diese Idee scheint so tiefgreifend zu sein, dass es im Laufe der vergangenen Jahrhunderte nur ausgesprochen wenige Versuche gab, diesen Mythos zu durchbrechen. Und das, obwohl die Idee von Kunst als kollektive Leistung alle anderen Teilbereiche – davon am stärksten die performativen Künste – längst durchbrochen hat.

Was passiert, wenn man in dem Bewusstsein agiert, die genialistische Anforderung an die Malerei hinter sich zu lassen, zeigt die kooperative Versuchsanordnung SchwesterInnen, welche Milena Weber und Noemi Weber bei Mouches Volantes zum ersten Mal in einem öffentlichen Raum performen. Darin agieren die Malerin Noemi und die Choreografin Milena gemeinsam vor einer leeren, die Wände umspannenden Leinwand. Im Ausstellungsraum findet ein non-verbales Gespräch zwischen den Partnerinnen statt, das ebenso intensiv wie intim ist und dessen Resultat in einem kollaborativ ermalten Gemälde mündet. Während Noemi sich durch diese neue Arbeitskonstellation stärker ihrem Malerinnengestus bewusst wird, da sie sich in der Rolle der bildenden Künstlerin unweigerlich anders vor dem Malgrund verhält als ihre Schwester, verschiebt sich ihre Aufmerksamkeit entgegen ihrer Gewohnheit mehr auf ihr körperliches Agieren vor der Leinwand. Für Milena hingegen birgt die Situation darin eine Herausforderung, dass sie sich von ihrem gewohnten Fokus auf einen physischen Handlungs- und Bewegungsablauf wegbewegt, um ihre Konzentration auf die Herstellung eines Kunstobjekts zu verlagern. Indem die gewohnten prozessualen Arbeitsabläufe der beiden Schwestern sich somit aufeinander zubewegen, fällt eine körperliche Erschließung des dreidimensionalen Raums mit der Behandlung einer zweidimensionalen Fläche einher. Dieser Prozess vollzieht sich im Sinne einer Unterhaltung zwischen den beiden Partizipierenden: Ihre Körper korrespondieren miteinander, sind mal synchron, mal spiegeln sie sich. Manchmal folgt die eine der anderen wie ein Echo, und dann ist es wieder umgekehrt. Dabei wird die Auseinandersetzung nicht von internen emotionalen Zuständen bestimmt, sondern wird vielmehr von den Ansprüchen des sie umgebenden Raums sowie von den Erfordernissen der Bildkomposition geleitet.

Es sagt viel über unser Verständnis von Kunstproduktion aus, dass wir bis heute an der Idee der singulären Autorin festhalten. Eine große und bedeutende künstlerische Leistung ist einerseits umso erstaunlicher, je individueller sie ist. Anscheinend tut dies ihrer Glaubwürdigkeit aber keinen Abbruch. Denn andererseits sind wir besonders bereit, einer unglaubwürdigen Geschichte Glauben zu schenken, die die Außergewöhnlichkeit einer Handlung betont, und somit – gleicht man sie ab mit unseren realen Erfahrungen – offensichtlich in den Bereich der Fiktion gehört. Vielleicht ist es daher doch keine Frage des Glaubens, sondern des Unterhaltungswerts. Heißt das im Umkehrschluss, dass es uns schwerer fällt eine Sache als bedeutend und groß zu akzeptieren, wenn diese von vielen kongenialen Menschen stammt? Unterhält uns die Geschichte von der einen einzigen und einzigartigen Künstlerin, die aber immer wieder erzählt wird, einfach besser, gerade weil sie offensichtlicherweise der Sphäre der Fiktion angehört? Und weil sie uns an die Mythen von den unerreichbaren Göttinnen erinnert – in denen wir uns zwar spiegeln, an die wir aber niemals herankommen? Weil wir viele sind, sie im Unterschied zu uns aber besonders in ihrer Singularität? Dabei wissen wir doch, dass diese Singularität eine sich immer wieder wiederholende Narration ist und damit ein Topos, eine Art narrative Schablone. Genauso wie auch Regeln fiktiv sind und nur solange Bestand haben, wie ein Teil der Gemeinschaft sie als Wahrheit zu akzeptieren bereit ist.

Möglicherweise fällt es uns aber auch deshalb schwer zu verstehen, dass prinzipiell alle Leistungen unserer Kultur kollektive Leistungen sind, weil wir gewohnt sind, Argumentationen nachzuvollziehen, die von gezielten, bewussten Setzungen ausgehen. Unsere künstlerische Produktion wehrt Angriffe gegen sie unter anderem damit ab, dass sie betont, künstlerischen Entscheidungen seien intellektuell begründbar und strategisch nachvollziehbar, keinesfalls aber dem Zufall geschuldet. Was aber passiert, wenn zwei Personen gemeinsam mit dem Ziel agieren, ein kollektives Kunstprodukt zu erzeugen, ist, dass diese Argumentation ins Wanken gerät. Denn offensichtlich kann man einen gleichberechtigten Kollektivvorgang nicht auf gleiche Weise steuern wie eine individuelle Praxis. Die Arbeit von Milena und Noemi verschwimmt aber keineswegs zu einer beliebigen Beschäftigung oder gar einem Zufallsprodukt. Die Leinwand wird vielmehr zu einem Möglichkeitsraum für Kommunikation, in die eine vielschichtige Auseinandersetzungen mit Malerei, den Körpern im Raum, Bewegungsabläufen und Handlungsmustern ebenso eingeht, wie die situative und nicht wiederholbare Kommunikation der SchwesterInnen untereinander.


|english below|

SchwesterInnen ist ein Ausstellungsprojekt an der Schnittstelle von Malerei, Tanz und nonverbaler Kommunikation.

Mit ihrer gemeinsamen Arbeit erforschen Noemi und Milena Weber, wie gestische Malerei einen Kommunikationsraum eröffnet, der als Methode zur Bildproduktion entwickelt werden kann und das Kultivieren einer eigenen Sprache ermöglicht.Noemi Weber ist bildende Künstlerin und hat ihr Studium an der Kunstakademie Düsseldorf als Meisterschülerin von Katharina Grosse 2017 abgeschlossen. Nach dem Studium Szenische Künste an der Uni Hildesheim studiert Milena Weber momentan Choreographie am SNDO in Amsterdam, sie arbeitet als Regisseurin, Tänzerin und Dramaturgin und ist an internationalen Produktionen beteiligt.

Mit der Realisierung einer weiteren Bildproduktion vor Ort geben Noemi und Milena Weber erstmalig einen Einblick in ihren gemeinsamen Arbeitsprozess und erweitern ihre bestehende Werkreihe.

Die Ausstellung ist durch das Schaufenster von Mouches Volantes einsehbar - sobald die Verordnung zur Eindämmung von COVID-19 es erlaubt, wird es die Möglichkeit geben die Ausstellung zu begehen.

Mouches Volantes ist der Name des interdisziplinären Kunstraumes für bildende und darstellende Künste am Ebertplatz in Köln, kuratiert von Ihsan Alisan.



|english|

SchwesterInnen is an exhibition intertwining painting, dance and non-verbal communication.

With their joint work, Noemi and Milena Weber explore how gestural painting opens up a communication-space that can be developed as a method for image production and enables the cultivation of a new pictorial language. Noemi Weber is a visual artist and graduated from the Düsseldorf Art Academy as a master student of Katharina Grosse in 2017. After studying Performing Arts at the University of Hildesheim, Milena Weber is currently studying choreography at the SNDO in Amsterdam, she works as a director, dancer and dramaturge and is involved in international productions.

With the realisation of a new collaborative painting, Noemi and Milena Weber will give an insight into their practice for the first time.

The exhibition is on display and visible through the window of MouchesVolantes - as soon as the COVID-19 restrictions allow the exhibition will be accessible.

Mouches Volantes is a noncommercial, independent and interdisciplinary Art Space Project in Cologne, presenting visual and performing arts curated by Ihsan Alisan.



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Semihard

STEFFEN JOPP

15. JAN. 2021 - 13. FEB. 2021
Pressepreview: 14. Jan. 11 AM - 1 PM



In Auseinandersetzung mit dem eigenen Künstlersubjekt schreibt Steffen Jopp sich stets selbst in seine Arbeiten hinein – sei es auf performativer, auditiver oder textlicher Ebene. Für seine kommende Ausstellung „Semihard“ im Mouches Volantes knüpft Jopp als exhibitionistisches Künstlersubjekt an vergangene Ausstellungen an und macht die Betrachter*innen zu Voyeuren seines künstlerischen Ichs. Dieses konstruiert der Künstler jedoch nicht auf der Folie des unnahbaren Genies, vielmehr legt er seine eigene Verletzlichkeit offen und befüllt seine Skulpturen und Soundelemente wie Gefäße damit.
In diesem Setting entzieht sich „Semihard“ einer Zuordnung: zwischen aufdringlicher Männlichkeit und fragiler Identitätskonstruktion, zwischen Begehren und Wehmut. Doch auch Jopps vermeintliche Wehmut ist „Semihard“ – sie verschwimmt in popkultureller Einbildung und selbstironischer Verklärung.

Nicole Trzeja


Die Ausstellung ist durch das Schaufenster von Mouches Volantes einsehbar - Eine Eröffnung und eine Begehung der Ausstellung werden im Einklang mit den Verordnungen zur Eindämmung von COVID-19 stattfinden.
Mouches Volantes ist der Name des interdisziplinären Kunstraumes für bildende und darstellende Künste am Ebertplatz in Köln, kuratiert von Ihsan Alisan.



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Ebertplatz Passage 1
(former BRUCH & DALLAS)
50668 Köln


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