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Semihard

STEFFEN JOPP

13. FEB. 2021 - 06. MAR. 2021
Pressepreview: 11. FEB. 11 AM - 1 PM

„Jedes Wort ist in mir geblieben, als wäre mein Bewusstsein aus Glas und die Worte wären hineingeritzt worden.“ 1


Sphärische Harmonien werden von hochfrequentierten Tönen durchsetzt und legen sich als Soundscape in die Passagen am Ebertplatz. Steffen Jopps Ausstellung Semihard im Mouches Volantes ist durch das Schaufenster des Ausstellungsraumes zu sehen, doch bereits über den Klang werden hier Innen- und Außenraum wie über eine Membran miteinander verbunden.
Der Sound geht über in einen Beat, die Stimme des Künstlers ertönt. Zwei Stimmfarben – die eine technisch verzerrt, viel dunkler und unverständlicher, und Steffen Jopps unbearbeitete Stimme – sind im Zwiegespräch mit sich selbst. Gemeinsam richten sie sich an ein unbekanntes Drittes: Unsichtbare Protagonistin des „Liebesbriefes“ ist die Strelitzia Reginae – die Paradiesvogelblume – die bereits zuvor in einer Installation im Botanischen Garten der Heinrich- Heine Universität in Düsseldorf 2019 zum Objekt von Jopps Begierde wurde.

„Wenn doch alle Frauen so wären, wie Paradiesvogelblumen, dann würde ich endlich meine Männlichkeit aufgeben können.“ 2

Sexuelle Konnotationen und Formen fragiler Männlichkeitskonstruktionen lassen sich wiederholt in den Texten sowie Performances und Skulpturen des Künstlers wiederfnden. In stetiger Selbstbefragung changiert er zwischen den uns allen auferlegten Geschlechterrollen und repräsentiert sowohl eine machistische (fast aufdringliche) Seite und offenbart zugleich seine eigene Verletzlichkeit und Sensibilität. Oft tendieren beide Facetten in ein Zu-viel-Sein. Eine unangenehme Befremdung, die beim Betrachten sowie Zuhören seiner Arbeiten anklingt, ist bewusst eingesetzt. Steffen Jopp spielt mit den Grenzen, will die Betrachtenden zu ungewollten Voyeurinnen und Voyeuren machen, indem er seinen Körper wie seine Gefühlswelten offenlegt. Er konfrontiert uns nahezu unausweichlich mit seiner Intimsphäre. Doch wird diese brutale wie befremdliche Offenheit zur Abstraktion des eigenen Subjekts; im Moment der Überführung in den künstlerischen Kontext entfernt sich Jopp bereits davon, die emotionale Geste wird verformt.
Ferner zeigt sich dieses abstrahierte Selbst hin zu dem selbstrefexiven Künstler-Ich in Jopps Umgang mit dem eigenen Körper. Diesen zeigt er nicht in vermeintlich idealisierter Form, sondern behandelt ihn als Teil seiner Material-Recherche. Für Semihard hat er den gesamten Ausstellungsraum mit einer vergrößerten Fotografe seiner Haut tapeziert. Wieder eine Membran, diesmal plakativ, die in Kommunikation mit der Außenwelt tritt. Seine Brust als hochaufgelöstes Bild, erzeugt eine Intimität, die sich durch die Verfremdung jedoch abseits einer sexualisierten Betrachtung nackter Haut bewegt. Das Abbild wird losgelöst von seiner Körperlichkeit.
Unsere Haut refektiert Formen von Erinnerung. Ihre Einschreibungen – in Gestalt von Narben, Falten, Tätowierungen und Verletzungen – verweisen trotz ihrer Gegenwärtigkeit stets auf etwas Vergangenes. In der Verdichtung des Erinnerten entsteht eine Asymmetrie und Entrückung zum tatsächlich Erlebten. Überspitzungen, wie Begehren und Melancholie, werden konserviert und rückblickend für wahrhaftig gehalten.
Die Beschäftigung mit Oberfächen zieht sich unterschwellig aber konsistent durch Steffen Jopps künstlerische Praxis. Seine Betrachtungen des Materials, dessen Verfremdung, Veränderung, Fragmentierung sowie Verletzung zeigt sich in seinen frühen Holzschnitten, in der Bearbeitung durch Einritzung in expolierten Edelstahl sowie im Umgang mit dem eigenen Körper, seiner eigenen Haut. Sie (die Oberfächen) werden zum Kommunikationsmittel des Künstler-Ich’s, das das Narrativ steuert, es biegsam macht und den Betrachtenden überstülpen oder wieder entziehen kann.


Ebenso wie die Haut, übernehmen auch die Objekte in Steffen Jopps künstlerischer Praxis Funktionen eines Speichermediums. Als Gefäße, in denen sich Erfahrung, Bedeutung und Pathos akkumulieren, die immer wieder herangezogen, bearbeitet und neu befüllt werden. So kokettiert Steffen mit seinen erinnerten Gefühlen. Er dekonstruiert und überspitzt sie, überführt sie in Phrasen – Lyrics – die popkulturell erscheinen oder abstrahiert als animalisch anmutende Skulpturen im Raum platziert werden.


Semihard bewegt sich zwischen den Dingen: mit neuen Werken in Korrespondenz zu vergangenen, im Zwiespalt fragiler Identitätskonstruktion und aufdringlicher Männlichkeit, innerhalb einer Harmonie von Störgeräuschen und den Einschreibungen in perfekte Oberfächen; inmitten unterschiedlicher Pole ordnet sich Steffen Jopps künstlerische Position in eine Zeit an, die fragil und unberechenbar ist, und gerade durch seine Befremdung überholte Konventionen durchbricht.


1aus: Siri Hustvedt, Damals, 2019, S. 339.
2 aus: Steffen Jopp, Strelitzia Reginae. Ein Liebesbrief, 2019.


Nicole Trzeja





|english|

„ Every word has remained inside me as if my consciousness were glass, and the words had been cut into it …” 1


Spherical harmonies are interspersed with high-frequency sounds, and settle as a soundscape in the Passagen am Ebertplatz. Steffen Jopp’s exhibition Semihard at Mouches Volantes can be seen through the window of the exhibition space; yet, as if through a membrane, the interior and exterior spaces are already connected by the sound. The sound turns into a beat, the artist’s voice resounds. Two different timbres—one artifcially distorted, much darker and harder to understand, and Steffen Jopp’s unedited voice—have entered a dialogue with themselves. Together they address an unknown third party: the invisible protagonist of the "love letter" is the Strelitzia Reginae—the bird-of-paradise fower—which had already been the object of Jopp's desire in an installation at the Botanical Garden of Heinrich Heine University in Düsseldorf in 2019.

“If only all women were like bird-of-paradise fowers, then I would fnally be able to relinquish my masculinity.” 2

Sexual connotations and forms of fragile constructions of masculinity appear repeatedly in the artist’s texts, as well as in his performances and sculptures. In constant self-questioning, he fuctuates between the gender roles imposed on all of us, representing both a macho (almost intrusive) side and, at the same time, revealing his own vulnerability and sensitivity. Both facets often tend towards being-too-much. An unpleasant alienation, which resonates when viewing and listening to his works, has been quite deliberately introduced. Steffen Jopp plays with boundaries, he wants to turn the viewers into unwitting voyeurs by exposing both his body and his entire emotions. We are almost inescapably confronted with his intimate sphere. Yet this savage and simultaneously alienating openness turns into an abstraction of the individual subject; at the moment of transfer into the artistic context, Jopp has already distanced himself from it, the emotional gesture is altered.
Furthermore, this abstracted self towards the self-refective artist ego reveals itself in Jopp’s approach to his own body. Rather than presenting it in a supposedly idealized form, he treats it as part of his research into materials. For Semihard, he wallpapered the entire exhibition space with an enlarged photograph of his skin. Yet another membrane, this time rather bold, that communicates with the outside world. The high-resolution image of his chest creates an intimacy that, due to the degree of alienation, moves beyond a sexualized contemplation of naked skin. The image becomes detached from its physicality.
Our skin refects forms of memory. Its markings—in form of scars, wrinkles, tattoos and injuries— invariably refer to something that has passed, despite their presentness. The compaction of that which is remembered creates an asymmetry and rapture in relation to the actual experience. Hyperbole, such as desire and melancholy, are preserved and, in retrospect, believed to be true.
The preoccupation with surfaces is an underlying yet consistent element in Steffen Jopp’s artistic practice. His contemplation of the material, its alienation, alteration, fragmentation and also injury is evident in his early woodcuts, in his process of incising polished stainless steel, and in his approach to his own body, his own skin. They (the surfaces) become a means of communication for the artist ego, which controls the narrative, making it pliable and able to be imposed upon or taken away from the viewer.


Much the same as skin, the objects in Steffen Jopp’s artistic practice also take on the function of storage media. As vessels that accumulate experience, meaning, and pathos, that are repeatedly referred to, processed, and replenished. Steffen is thereby coquetting with his remembered feelings. He deconstructs and exaggerates them, transposes them into phrases—lyrics—that may appear pop-cultural or are abstracted and placed in space as seemingly animalistic sculptures.


Semihard navigates between things: with new works in correspondence with past ones; in the dichotomy of fragile identity construction and obtrusive masculinity; within a harmony of acoustic interference and inscriptions in perfect surfaces; amidst divergent poles, Steffen Jopp’s artistic position situates itself in a time that is fragile and unpredictable, and precisely through its alienation throws off outdated conventions.


1Hustvedt, Siri. Memories of the Future (p. 242). Hodder & Stoughton. Kindle Edition.
2 Steffen Jopp, Strelitzia Reginae. Ein Liebesbrief, 2019.


Nicole Trzeja
translated from german by Susie Hondl




|english below|

In Auseinandersetzung mit dem eigenen Künstlersubjekt schreibt Steffen Jopp sich stets selbst in seine Arbeiten hinein – sei es auf performativer, auditiver oder textlicher Ebene. Für seine kommende Ausstellung „Semihard“ im Mouches Volantes knüpft Jopp als exhibitionistisches Künstlersubjekt an vergangene Ausstellungen an und macht die Betrachter*innen zu Voyeuren seines künstlerischen Ichs. Dieses konstruiert der Künstler jedoch nicht auf der Folie des unnahbaren Genies, vielmehr legt er seine eigene Verletzlichkeit offen und befüllt seine Skulpturen und Soundelemente wie Gefäße damit.
In diesem Setting entzieht sich „Semihard“ einer Zuordnung: zwischen aufdringlicher Männlichkeit und fragiler Identitätskonstruktion, zwischen Begehren und Wehmut. Doch auch Jopps vermeintliche Wehmut ist „Semihard“ – sie verschwimmt in popkultureller Einbildung und selbstironischer Verklärung.

Nicole Trzeja




Die Ausstellung wird durch das Schaufenster von Mouches Volantes einsehbar - Eine Eröffnung und eine Begehung der Ausstellung werden im Einklang mit den Verordnungen zur Eindämmung von COVID-19 stattfinden.



|english|

Steffen Jopp, in examining his own artist-subject, invariably inscribes himself into his works—be it on a performative, auditory or textual level. For his upcoming exhibition »Semihard« at Mouches Volantes, Jopp, as the exhibitionist artist-subject, ties in with past exhibitions, thus turning the viewer into a voyeur of his artistic self. The artist, though, does not construct this against the background of the unapproachable genius; rather, he reveals his own vulnerability and, like vessels, fills his sculptures and sound elements with it.
In this setting, »Semihard« is rather difficult to classify: between overbearing masculinity and fragile construction of identity, between desire and melancholy. Yet even Jopp’s supposed melancholy is "Semihard" – a mixture of pop-cultural delusion and self-deprecating transfiguration.

Nicole Trzeja





The exhibition is on display and visible through the window of MouchesVolantes - as soon as the COVID-19 restrictions allow the exhibition will be accessible.


Mouches Volantes ist der Name des interdisziplinären Kunstraumes für bildende und darstellende Künste am Ebertplatz in Köln, kuratiert von Ihsan Alisan.

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demnächst | upcoming



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Kras û fistan - Der Stoff

HAVIN AL-SINDY

13. MAR. 2021 - 10. APR. 2021
Eröffnung 12. MÄR. vom 15 - 20Uhr
Opeing 12. MAR. 3 PM - 8 PM
Pressepreview: 11. MAR. 11 AM - 1 PM


|english below|

Die Arbeit “Der Stoff / Kras û fistan“ als eine Mehrkanalvideo Installation zeigt eine tanzende Frauengruppe, formiert in einer Linie, die Kleidung mit weißem Gips übermalt.

Wie Skulpturen, die sich aus der Starre tanzen, aus dem Weiß kämpfen, aus dem Negierten bewegen, die sich aus Assoziationen befreien, in der Bewegung verwandeln und offenbaren: ein Entblößen ohne Haut zu zeigen, ihr Selbst und Sein entlarven, wenn sie ihre Kras u Fistan zeigen: sich verwundbar machen, weil die kurdische Tracht im Tanz und durch den Bruch des Gips zu sehen ist. Der Stoff schützt nicht, der Stoff, der Schnitt der Kleider dem kurdischen Volk ein Symbol, ein Bekenntnis ihres Kurdischseins, macht sie zur Zielscheibe vieler Regime. Kunst wird politisch, wenn Politik versagt.

Havin Al-Sindy arbeitet mit Lagen, mit Ebenen, mit Schichten, die Betrachtende zum Stillstand zwingen, während sich das Werk, in Bewegung, wandelt.

Der Gips, der zu Bruch geht, zu Bruch getanzt wird, legt die Figur der Frauen frei; als würden sich die Frauen beim Tanzen selbst formen; die Künstlerin, die sie eingegipst und bei diesem Prozess ihre Bewegungsfreiheit geraubt hat, ist während der Performance nicht mehr Schöpferin ihres Werkes, das Werk verselbständigt sich im Tanz: auch dies ist eine politische Analogie.

Karosh Taha



Die Ausstellung wird durch das Schaufenster von Mouches Volantes einsehbar - Eine Eröffnung und eine Begehung der Ausstellung werden im Einklang mit den Verordnungen zur Eindämmung von COVID-19 stattfinden.


|english|

The work "The fabric / Kras û fistan" as a multi-channel video installation shows a dancing group of women, formed in a line, with the clothes painted over with white plaster.

Like sculptures dancing out of rigidity, struggling out of whiteness, moving out of the negated, freeing themselves from associations, transforming and revealing themselves in movement: a stripping bare without showing skin, exposing their self and their being as they show their Kras u Fistan: becoming vulnerable as the Kurdish clothing is seen in the dance and through the fracture of the plaster. The fabric does not protect, the fabric, the cut of the clothes to the Kurdish people a symbol, a confession of their Kurdishness, makes them the target of many regimes. Art becomes political when politics fails.

Havin Al-Sindy works with both, layers of materiality and with layers of meaning, that force viewers to stand still while the work, in motion, transforms.

The plaster that breaks, that is danced to pieces, exposes the figure of the women; as if the women were forming themselves while dancing; the artist who plastered them and robbed them of their freedom of movement in this process is no longer the creator of her work during the performance, the work takes on a life of its own in the dance: this too is a political analogy.

Karosh Taha



The exhibition is on display and visible through the window of MouchesVolantes - as soon as the COVID-19 restrictions allow the exhibition will be accessible.


Mouches Volantes ist der Name des interdisziplinären Kunstraumes für bildende und darstellende Künste am Ebertplatz in Köln, kuratiert von Ihsan Alisan.

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