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„Jedes Wort ist in mir geblieben, als wäre mein Bewusstsein aus Glas und die Worte wären hineingeritzt worden.“ 1


Sphärische Harmonien werden von hochfrequentierten Tönen durchsetzt und legen sich als Soundscape in die Passagen am Ebertplatz. Steffen Jopps Ausstellung Semihard im Mouches Volantes ist durch das Schaufenster des Ausstellungsraumes zu sehen, doch bereits über den Klang werden hier Innen- und Außenraum wie über eine Membran miteinander verbunden.
Der Sound geht über in einen Beat, die Stimme des Künstlers ertönt. Zwei Stimmfarben – die eine technisch verzerrt, viel dunkler und unverständlicher, und Steffen Jopps unbearbeitete Stimme – sind im Zwiegespräch mit sich selbst. Gemeinsam richten sie sich an ein unbekanntes Drittes: Unsichtbare Protagonistin des „Liebesbriefes“ ist die Strelitzia Reginae – die Paradiesvogelblume – die bereits zuvor in einer Installation im Botanischen Garten der Heinrich- Heine Universität in Düsseldorf 2019 zum Objekt von Jopps Begierde wurde.

„Wenn doch alle Frauen so wären, wie Paradiesvogelblumen, dann würde ich endlich meine Männlichkeit aufgeben können.“ 2

Sexuelle Konnotationen und Formen fragiler Männlichkeitskonstruktionen lassen sich wiederholt in den Texten sowie Performances und Skulpturen des Künstlers wiederfnden. In stetiger Selbstbefragung changiert er zwischen den uns allen auferlegten Geschlechterrollen und repräsentiert sowohl eine machistische (fast aufdringliche) Seite und offenbart zugleich seine eigene Verletzlichkeit und Sensibilität. Oft tendieren beide Facetten in ein Zu-viel-Sein. Eine unangenehme Befremdung, die beim Betrachten sowie Zuhören seiner Arbeiten anklingt, ist bewusst eingesetzt. Steffen Jopp spielt mit den Grenzen, will die Betrachtenden zu ungewollten Voyeurinnen und Voyeuren machen, indem er seinen Körper wie seine Gefühlswelten offenlegt. Er konfrontiert uns nahezu unausweichlich mit seiner Intimsphäre. Doch wird diese brutale wie befremdliche Offenheit zur Abstraktion des eigenen Subjekts; im Moment der Überführung in den künstlerischen Kontext entfernt sich Jopp bereits davon, die emotionale Geste wird verformt.
Ferner zeigt sich dieses abstrahierte Selbst hin zu dem selbstrefexiven Künstler-Ich in Jopps Umgang mit dem eigenen Körper. Diesen zeigt er nicht in vermeintlich idealisierter Form, sondern behandelt ihn als Teil seiner Material-Recherche. Für Semihard hat er den gesamten Ausstellungsraum mit einer vergrößerten Fotografe seiner Haut tapeziert. Wieder eine Membran, diesmal plakativ, die in Kommunikation mit der Außenwelt tritt. Seine Brust als hochaufgelöstes Bild, erzeugt eine Intimität, die sich durch die Verfremdung jedoch abseits einer sexualisierten Betrachtung nackter Haut bewegt. Das Abbild wird losgelöst von seiner Körperlichkeit.
Unsere Haut refektiert Formen von Erinnerung. Ihre Einschreibungen – in Gestalt von Narben, Falten, Tätowierungen und Verletzungen – verweisen trotz ihrer Gegenwärtigkeit stets auf etwas Vergangenes. In der Verdichtung des Erinnerten entsteht eine Asymmetrie und Entrückung zum tatsächlich Erlebten. Überspitzungen, wie Begehren und Melancholie, werden konserviert und rückblickend für wahrhaftig gehalten.
Die Beschäftigung mit Oberfächen zieht sich unterschwellig aber konsistent durch Steffen Jopps künstlerische Praxis. Seine Betrachtungen des Materials, dessen Verfremdung, Veränderung, Fragmentierung sowie Verletzung zeigt sich in seinen frühen Holzschnitten, in der Bearbeitung durch Einritzung in expolierten Edelstahl sowie im Umgang mit dem eigenen Körper, seiner eigenen Haut. Sie (die Oberfächen) werden zum Kommunikationsmittel des Künstler-Ich’s, das das Narrativ steuert, es biegsam macht und den Betrachtenden überstülpen oder wieder entziehen kann.


Ebenso wie die Haut, übernehmen auch die Objekte in Steffen Jopps künstlerischer Praxis Funktionen eines Speichermediums. Als Gefäße, in denen sich Erfahrung, Bedeutung und Pathos akkumulieren, die immer wieder herangezogen, bearbeitet und neu befüllt werden. So kokettiert Steffen mit seinen erinnerten Gefühlen. Er dekonstruiert und überspitzt sie, überführt sie in Phrasen – Lyrics – die popkulturell erscheinen oder abstrahiert als animalisch anmutende Skulpturen im Raum platziert werden.


Semihard bewegt sich zwischen den Dingen: mit neuen Werken in Korrespondenz zu vergangenen, im Zwiespalt fragiler Identitätskonstruktion und aufdringlicher Männlichkeit, innerhalb einer Harmonie von Störgeräuschen und den Einschreibungen in perfekte Oberfächen; inmitten unterschiedlicher Pole ordnet sich Steffen Jopps künstlerische Position in eine Zeit an, die fragil und unberechenbar ist, und gerade durch seine Befremdung überholte Konventionen durchbricht.


1aus: Siri Hustvedt, Damals, 2019, S. 339.
2 aus: Steffen Jopp, Strelitzia Reginae. Ein Liebesbrief, 2019.


Nicole Trzeja





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„ Every word has remained inside me as if my consciousness were glass, and the words had been cut into it …” 1


Spherical harmonies are interspersed with high-frequency sounds, and settle as a soundscape in the Passagen am Ebertplatz. Steffen Jopp’s exhibition Semihard at Mouches Volantes can be seen through the window of the exhibition space; yet, as if through a membrane, the interior and exterior spaces are already connected by the sound. The sound turns into a beat, the artist’s voice resounds. Two different timbres—one artifcially distorted, much darker and harder to understand, and Steffen Jopp’s unedited voice—have entered a dialogue with themselves. Together they address an unknown third party: the invisible protagonist of the "love letter" is the Strelitzia Reginae—the bird-of-paradise fower—which had already been the object of Jopp's desire in an installation at the Botanical Garden of Heinrich Heine University in Düsseldorf in 2019.

“If only all women were like bird-of-paradise fowers, then I would fnally be able to relinquish my masculinity.” 2

Sexual connotations and forms of fragile constructions of masculinity appear repeatedly in the artist’s texts, as well as in his performances and sculptures. In constant self-questioning, he fuctuates between the gender roles imposed on all of us, representing both a macho (almost intrusive) side and, at the same time, revealing his own vulnerability and sensitivity. Both facets often tend towards being-too-much. An unpleasant alienation, which resonates when viewing and listening to his works, has been quite deliberately introduced. Steffen Jopp plays with boundaries, he wants to turn the viewers into unwitting voyeurs by exposing both his body and his entire emotions. We are almost inescapably confronted with his intimate sphere. Yet this savage and simultaneously alienating openness turns into an abstraction of the individual subject; at the moment of transfer into the artistic context, Jopp has already distanced himself from it, the emotional gesture is altered.
Furthermore, this abstracted self towards the self-refective artist ego reveals itself in Jopp’s approach to his own body. Rather than presenting it in a supposedly idealized form, he treats it as part of his research into materials. For Semihard, he wallpapered the entire exhibition space with an enlarged photograph of his skin. Yet another membrane, this time rather bold, that communicates with the outside world. The high-resolution image of his chest creates an intimacy that, due to the degree of alienation, moves beyond a sexualized contemplation of naked skin. The image becomes detached from its physicality.
Our skin refects forms of memory. Its markings—in form of scars, wrinkles, tattoos and injuries— invariably refer to something that has passed, despite their presentness. The compaction of that which is remembered creates an asymmetry and rapture in relation to the actual experience. Hyperbole, such as desire and melancholy, are preserved and, in retrospect, believed to be true.
The preoccupation with surfaces is an underlying yet consistent element in Steffen Jopp’s artistic practice. His contemplation of the material, its alienation, alteration, fragmentation and also injury is evident in his early woodcuts, in his process of incising polished stainless steel, and in his approach to his own body, his own skin. They (the surfaces) become a means of communication for the artist ego, which controls the narrative, making it pliable and able to be imposed upon or taken away from the viewer.


Much the same as skin, the objects in Steffen Jopp’s artistic practice also take on the function of storage media. As vessels that accumulate experience, meaning, and pathos, that are repeatedly referred to, processed, and replenished. Steffen is thereby coquetting with his remembered feelings. He deconstructs and exaggerates them, transposes them into phrases—lyrics—that may appear pop-cultural or are abstracted and placed in space as seemingly animalistic sculptures.


Semihard navigates between things: with new works in correspondence with past ones; in the dichotomy of fragile identity construction and obtrusive masculinity; within a harmony of acoustic interference and inscriptions in perfect surfaces; amidst divergent poles, Steffen Jopp’s artistic position situates itself in a time that is fragile and unpredictable, and precisely through its alienation throws off outdated conventions.


1Hustvedt, Siri. Memories of the Future (p. 242). Hodder & Stoughton. Kindle Edition.
2 Steffen Jopp, Strelitzia Reginae. Ein Liebesbrief, 2019.


Nicole Trzeja
translated from german by Susie Hondl

Courtesy and copyright : Steffen Jopp, Mouches Volantes.
Photos: Dirk Rose

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